Keine Evidenz – hohe wirtschaftliche Belastungen und massive Einbußen: Branchenverbände warnen vor den Folgen der geplanten Steuererhöhung auf Sekt und Spirituosen

Keine Evidenz - hohe wirtschaftliche Belastungen und massive Einbußen: Branchenverbände warnen vor den Folgen der geplanten Steuererhöhung auf Sekt und Spirituosen

 

  • Steueraufkommen im besten Fall ein Nullsummenspiel: Konsumveränderungen würden erwartete Mehreinnahmen deutlich reduzieren
  • 9,6 Mrd.-Euro-Branche stark unter Druck: Gastronomie und Mittelstand massiv betroffen; Investitionen und Arbeitsplätze in Gefahr
  • Widerspruch in der Steuerpolitik: Entlastung bei Speisen in der Gastronomie einerseits, neue Belastungen bei Sekt und Spirituosen andererseits
  • Zielgerichtete Maßnahmen statt pauschaler Verteuerung: Wirtschaft sichern und Prävention fördern

 

Der Verband Deutscher Sektkellereien e.V. (VDS) und der Bundesverband Wein und Spirituosen International e.V. (BWSI) warnen vor den aktuellen Plänen zur Erhöhung der Verbrauchsteuern auf alkoholische Getränke. Nach den Plänen der Bundesregierung soll neben Spirituosen auch Sekt von höheren Steuersätzen betroffen sein. Dies ist aus Sicht der Verbände weder fiskalisch verlässlich noch wirtschafts- oder gesundheitspolitisch überzeugend. VDS und BWSI warnen vor Fehlanreizen, zusätzlichen Belastungen für Unternehmen und unbeabsichtigten Nebenwirkungen für Gastronomie und Innenstädte.

Fiskalische Wirkung fraglich: im besten Fall ein Nullsummenspiel

Steuerpolitische Maßnahmen müssen berechenbar und zielgerichtet sein. Genau daran bestehen bei einer möglichen Erhöhung der Verbrauchsteuern auf Schaumwein und Spirituosen erhebliche Zweifel. Bereits heute tragen Alkoholsteuern nur einen äußerst geringen Anteil zum Gesamtsteueraufkommen bei[1]. Zugleich zeigt eine Modellrechnung des VDS und BWSI (s. Anlage): Höhere Steuern bedeuten nicht automatisch höhere Staatseinnahmen. Wenn Verbraucher auf Preissteigerungen mit Ausweichbewegungen reagieren, sinkt die zu versteuernde Menge deutlich. Zusätzliche Verbrauchsteuer-einnahmen auf alkoholische Getränke werden somit teilweise aufgezehrt. Laut Modellrechnung der Verbände droht ab 2028 statt Mehreinnahmen sogar ein Rückgang der Gesamteinnahmen aus Sekt- und Spirituosensteuer. „Eine Erhöhung der Steuern auf Sekt und Spirituosen ist kein verlässliches Instrument zur Haushaltskonsolidierung. Wer auf Mehreinnahmen setzt, muss auch berücksichtigen, dass sich Konsumverhalten anpasst. Das untergräbt die Kalkulation der Bundesregierung und bringt negative Konsequenzen für die Wirtschaft mit sich“, erläutert Dr. Alexander Tacer, Geschäftsführer des VDS und BWSI.

Sektsteuer überraschend Teil der Steuerpläne

VDS und BWSI bewerten besonders kritisch, dass eine Erhöhung der Schaumweinsteuer in den bisherigen Diskussionen der Bundesregierung nicht Gegenstand der Diskussion war. Viele Winzerbetriebe und Sekthersteller setzen zunehmend auf Schaumwein, weil der Absatz von Stillwein zurückgeht und Schaumwein neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnet. Eine höhere Schaumweinsteuer würde diese Entwicklung ausbremsen und die wirtschaftliche Basis der Betriebe schwächen. Auch bei alkoholfreien Alternativen sind deutsche Sekthersteller Vorreiter. Zusätzliche steuerliche Belastungen würden diese Innovationskraft erheblich beeinträchtigen. Der VDS verweist zudem auf die besondere Rolle von Sekt im Konsumverhalten. Sekt wird häufig anlassbezogen getrunken, etwa zu Weihnachten, Silvester, Geburtstagen oder Hochzeiten. Eine höhere Sektsteuer würde damit auch gesellschaftliche und familiäre Genussmomente verteuern.

Belastung für Gastronomie und mittelständische Strukturen

Von einer Erhöhung der Verbrauchsteuer auf alkoholische Getränke wären insbesondere getränkegeprägte Gastronomiebetriebe betroffen, also Bars, Kneipen und Clubs, die bereits seit Jahren unter steigenden Kosten und wirtschaftlicher Unsicherheit leiden. Zusätzliche steuerliche Belastungen erhöhen den Preisdruck, dämpfen die Nachfrage und erschweren Investitionen.

Die Konsequenz: ein wachsender Druck auf Geschäftsmodelle, rund 225.000 Arbeitsplätze und die wirtschaftliche Stabilität einer Branche, die einen Jahresumsatz von annähernd 10 Mrd. Euro erwirtschaftet (Stand 2024), stark mittelständisch geprägt ist und entlang der gesamten Wertschöpfungskette wirkt.

Maren Meyer, Vorstandsvorsitzende Deutsche Barkeeper-Union e.V., ergänzt: „Gerade jetzt braucht die Branche Planungssicherheit und verlässliche Rahmenbedingungen. Zusätzliche steuerliche Belastungen treffen vor allem diejenigen Betriebe, die ohnehin unter hohem wirtschaftlichem Druck stehen. Die Politik muss jetzt zeigen, dass sie die besondere Rolle von Bars, Kneipen und Clubs für unsere Gesellschaft ebenso wie unsere Wirtschaft erkannt hat und entsprechend handelt.“

Inkonsistente Steuerpolitik schwächt Wirkung von Entlastungsmaßnahmen

Aus Sicht der Verbände steht die Debatte über eine Erhöhung der Steuern auf Sekt und Spirituosen zudem im Widerspruch zu bestehenden politischen Maßnahmen: So wurde die Gastronomie zuletzt durch steuerliche Anpassungen bei Speisen gezielt entlastet. Eine gleichzeitige Mehrbelastung einzelner Produktgruppen konterkariert diese Ziele und führt zu inkonsistenten politischen Signalen.

Auch gesundheitspolitisch überzeugt der Ansatz nicht. Pauschale Steuererhöhungen auf einzelne Produktkategorien sind kein zielgenaues Instrument gegen schädlichen Alkoholkonsum. Der Alkoholkonsum in Deutschland ist seit Jahren rückläufig, während Präventionsmaßnahmen und Jugendschutz zunehmend greifen. Umso weniger nachvollziehbar ist es, Sekt und Spirituosen steuerlich erheblich zu belasten, statt erfolgreiche Präventionsarbeit breit und evidenzbasiert weiterzuentwickeln. Dr. Alexander Tacer, Geschäftsführer des VDS und BWSI: „Wer verantwortungsvollen Konsum stärken will, sollte auf gezielte Prävention und Aufklärung setzen statt auf pauschale Steuererhöhungen, die weder differenzieren noch nachweislich wirksam sind.“

Breitere Auswirkungen auf Wirtschaftsstandort und Innenstädte

Über die unmittelbaren wirtschaftlichen Effekte hinaus sehen die Verbände auch Risiken für lokale Wirtschaftsstrukturen und die Attraktivität von Innenstädten. Gastronomiebetriebe übernehmen eine wichtige Funktion für Frequenz, Aufenthaltsqualität und wirtschaftliche Dynamik insbesondere in urbanen Räumen, aber auch im ländlichen Raum. Eine zusätzliche Belastung könnte dazu beitragen, bestehende strukturelle Herausforderungen weiter zu verschärfen.

Position des Verbandes Deutscher Sektkellereien e.V. und des Bundesverbandes Wein und Spirituosen International e.V.

VDS und BWSI sprechen sich entschieden gegen zusätzliche Steuererhöhungen auf Schaumwein, Spirituosen und Zwischenerzeugnisse aus. Statt zusätzlicher Belastungen für Unternehmen, Beschäftigte und Verbraucher braucht es eine ausgewogene, kohärente und evidenzbasierte Steuer- und Wirtschaftspolitik, die Mittelstand, Gastronomie und regionale Wertschöpfungsketten stärkt, Planungssicherheit schafft und Investitionen ermöglicht. Steuererhöhungen sind weder ein geeignetes Mittel zur nachhaltigen Konsumsteuerung noch zur verlässlichen Stabilisierung öffentlicher Haushalte. Pauschale Steuererhöhungen belasten eine wirtschaftlich bedeutende Branche, ohne schädlichen Alkoholkonsum wirksam zu adressieren. Zielführender sind gezielte Prävention, konsequenter Jugendschutz, Aufklärung und verantwortungsvolle Vermarktung.

[1] s. Steuereinnahmen, Statistisches Bundesamt unter: https://genesis.destatis.de/datenbank/online/url/3229b149

 

Die Pressemitteilung können Sie sich hier als PDF herunterladen. 

 

ANLAGE

Tabelle: Modellrechnungen des VDS und BWSI zu möglichen Auswirkungen höherer Verbrauchsteuern auf Spirituosen auf Basis einer Preiselastizität von -1,9.

 

Berechnung Szenario BMF-Diskussionsentwurf Spirituose (Preiselastizität - 1,9)

 

2026

2027

2028

2029

Annahmen

       

Gesetzlicher Steuersatz pro Liter Reinalkohol

13,03

15,64

15,64

15,64

Branntweinsteuererhöhung vs. VJ

 

20,0%

 

 

Preiserhöhungen

 

8,5%

 

 

Preiselastizität Spirituose

 

-1,90

-1,90

-1,90

         

Volumen Reinalkohol (Mio. l)

149,0

124,9

122,2

119,5

Volumenrückgang vs. VJ (Mio. l)

 

24,1

2,7

2,7

Volumenrückgang vs. VJ (Mio. l)

 

16,2%

2,2%

2,2%

         

Alkoholsteuereinnahmen (Mrd. €)

1,941

1,954

1,911

1,869

Alkoholsteuereinnahmen Verbesserung vs. VJ

 

0,6%

-2,2%

-2,2%

         

MwSt-Einnahmen (Mrd. €)

0,26

0,25

0,25

0,25

Steuer Gesamt (Mrd. €)

2,206

2,204

2,161

2,119

Gesamtsteuer Veränderung vs. VJ

 

-0,1%

-2,0%

-1,9%

 

Die Modellrechnung basiert auf der aktuellen Verbrauchsmenge von 149 Mio. Litern Reinalkohol und unterstellt für Spirituosen eine Preiselastizität von -1,9. Sie zeigt: Reagieren Verbraucherinnen und Verbraucher auf deutliche Preissteigerungen mit Konsumrückgang oder Ausweichreaktionen, sinkt die versteuerte Menge spürbar — von 149 Mio. Litern im Jahr 2026 auf rund 120 Mio. Liter im Jahr 2029. Die Einnahmen aus der Alkoholsteuer steigen dadurch trotz höherer Steuersätze nur begrenzt. Werden zusätzlich die rückläufigen Mehrwertsteuereinnahmen berücksichtigt, gehen die Gesamteinnahmen aus Spirituosensteuer und Mehrwertsteuer im Modell ab 2027 sogar zurück.

 

 

 

Modellrechnungen des VDS und BWSI zu möglichen Auswirkungen höherer Verbrauchsteuern auf Schaumwein auf Basis einer Preiselastizität von -0,95.

 

Berechnung Szenario BMF-Diskussionsentwurf Schaumwein (Preiselastizität - 0,95)

 

2026

2027

2028

2029

Annahmen

       

Gesetzlicher Steuersatz pro Liter Reinalkohol

1,36

1,63

1,63

1,63

Schaumweinsteuererhöhung vs. VJ

 

19,9%

 

 

Preiserhöhungen

 

10,0%

 

 

Preiselastizität Schaumwein (Quelle: Circana)

 

-0,95

-0,95

-0,95

         

versteuerter Absatz (Mio. l)

240,1

217,3

206,4

196,1

Volumenrückgang vs. VJ (Mio. l)

 

22,8

10,9

10,3

Volumenrückgang vs. VJ (Mio. l)

 

9,5%

5,0%

5,0%

         

Schaumweinsteuereinnahmen (Mrd. €)

0,327

0,354

0,336

0,320

Schaumweinsteuereinnahmen Verbesserung vs. VJ

 

8,5%

-5,0%

-5,0%

         

Die Modellrechnung basiert auf der aktuellen Verbrauchsmenge von 240 Mio. Litern Schaumwein und unterstellt eine Preiselastizität von -0,95. Sie zeigt: Reagieren Verbraucherinnen und Verbraucher auf deutliche Preissteigerungen mit Konsumrückgang oder Ausweichreaktionen, sinkt die versteuerte Menge von 240 Mio. Litern im Jahr 2026 auf rund 196 Mio. Liter im Jahr 2029 spürbar. Die Einnahmen aus der Schaumweinsteuer steigen dadurch trotz höherer Steuersätze nur begrenzt und gehen im Modell ab 2028 sogar zurück.

 

 

Foto (c) Unsplash / Jana Kowalewitz

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